Lyrik Todtenau

Knochenarm


Instrumental

Der Schwall


Im Dorf da erzählen die Alten,
erzählen es den Kindern,
die soll'n sich vom Moor fern halten,
in dem böse Mächte walten


So weiß dort jeder unterschwellig,
dass dort ein Raunen
wohnt und dass das gesellig'
Leben tanzt nach dessen Launen


So manch ein Wanderer berichtet
nachdem er nur knapp entkam,
er habe ein Wesen gesichtet,

das sich gegen Menschen richtet


"Im Moor da blicken Augen
voll Gier aus der Dunkelheit
Glaubt nicht, dass Ihr auch nur
eine Sekunde sicher seid"


In der Nässe kreucht
der Schwall ohne Unterlass
Immer hungernd verseucht
er den Wald so voller Hass

Ein pestilenter Todesnebel
umgibt stets das Ungeheuer
Und der Arm als Knochenknebel
streift des Nachts an dem Gemäuer


Sie nennen es den Schwall,
der sich durch die Seen wälzt
Des Nachts da hört man überall
seines Stöhnen lauten Hall


Manchmal frisst es Vieh
und manchmal tötet es die Hunde
Mehr als Gebein bleibt nie
und überbringt die schlechte Kunde

Einst zog ein wütend' Mob davon,
dem Monster Einhalt beizubringen,
dem letztlich keiner entronn
Man hörte sie noch Tage singen


Und wenn der Schwall mordet
hört man der Toten Stimmen
singend durch die Au klingen,
doch ihre Leichen schwimmen


im pechklebrig grünen Wasser
wenn sie den Schilf trimmen
und die unschuldigen Töne
leis' durch die Nacht simmen


An Lebenssinn beraubt
quält sich seufzend ein Wesen,
hebt langsam sein altes Haupt
und kann in deinen Augen lesen

Wir ziehen ins Dunkel


Es ist an der Zeit,

dass wir etwas unternehmen
Die Ernte ist halb zerstört,

wir grämen uns deswegen


Der Schwall sucht uns heim,

jede Nacht und das seit Jahren
Es ist an der Zeit,

dass wir uns're Freiheit wahren


Dies' Monster kann nicht Gottes Werk sein
Wir stellen uns der Bedrohung nicht allein


Immer wieder
haben wir die Pain auf uns genommen
Wir ziehen ins Dunkel,
auf dass bald wieder helle Tage kommen


Wir werden den Schleier
des Todes und der Tyrannei lichten
Wir ziehen ins Dunkel
um das Vieh endlich zu richten


Die Tiere sind halb verhungert,

die andere Hälfte wurd' gerissen
Die stärksten Männer sollen sich melden,

und zwar in dem Wissen,


dass falls sie bei dem Vorhaben

ihr Leben lassen sollten,
sie dem Wald wenigstens

all die Toten vergolten


Aro, Jaron und Olai sollen es sein
Sie werden den Schleier lichten
Sie ziehen ins Dunkel,
um das Vieh endlich zu richten

Vorbereitungen


Ich heiße Olai und bin einer der drei Männer,
die den Frieden der Gemeinde wahren,
um für meine Frau und zwei Kinder die
Wesen zu besiegen, die die Angst gebahren


Auch ich bin davon befallen, wohl noch
mehr als sie, doch lasse ich mir nichts anmerken
Ich sollte mich besser vorbereiten und
mich ein letztes Mal vor dem Aufbruch stärken

In der letzten Nacht, geplagt von Gespinsten,
träumte ich wie mein Leben ein Ende fand:
Ein Wesen vergriff sich an einem Menschen, mir,
doch starb schließlich auch durch die eigene Hand


Auch wenn der Tod mich dort draußen ereilt,
zählt nur, das Vorhaben durchzusetzen,
den Schwall endlich aufzuhalten, sollten wir
dafür den Wald auch mit unserem Blut benetzen


Wir drei sind gute Kämpfer und nicht schwach
Die Chancen stehen besser als die der letzten
Gruppe die es versuchte und nie wieder kam,
deren Stimmen sich in der Luft festsetzten


Mein Geist ist bereit, es geht los
Im Morgengrauen beginnt die Reise
Ohne jemanden zu wecken treffen wir uns
und verlassen unsere Heimat leise

Dort draußen ist noch mehr


Zu dritt sind wir losgezogen,

das Vieh endlich zu richten,
auch wenn es unerwartet schwer ist

seiner Spur in dem dichten
Buschwerk zu folgen,

sind wir alle fest entschlossen,
es heute zu beenden,

der Schwall wird jetzt erschossen


Für die Leben uns'rer Kinder
Für den Frieden uns'rer Frauen
Heute töten wir den Schinder,
waten durch die nassen Auen


Auf den Schultern lasten schwer
Verantwortung und Unwohlsein
Wir werden diesem Schrecken Herr
und halten das Moor rein


Die Jagd dauert länger

als wir zuerst dachten
Langsam erlischen die Feuer,

die Wut und Hass entfachten
Seit drei Tagen sind wir

nun schon auf der Reise
und des Nachts kauern wir

in Zelten und beten leise


Die vierte Nacht bricht schnell herein

und in der dunkelsten Stunde
können wir von draußen hören:

Etwas zieht dort seine Runde
Die Hände fahren zu den Waffen,

angespannt verharren wir
Gekreisch ertönt so furchtbar laut

und meine Ohren schmerzen mir


Das Zelt wackelt und alle wissen:

Etwas will zu uns hinein
Eine Hand schießt ins Inn're und

greift Jaron so fest an's Bein
Und er wird herausgezogen

und schreit sich die Lunge leer
Aro und mir wird nun klar:

Dort draußen ist noch mehr


Wir sitzen nun allein im Zelt
und außerhalb legt sich das Kreischen
Erst als sich die Nacht erhellt,
beginnen wir nach Flucht zu heischen


Der Schwall ist nicht was Menschen will
Die Todtenau verlangt so hehr
Im Morgengrau'n liegt sie so still,
doch dort draußen ist noch mehr

Kein Gott


Die Bäume knarzen und
der Wind weht heftig und
wir taumeln von Dannen,

die Flucht ist uns bis jetzt noch geglückt


Aro spricht leise,
er murmelt, nur Laute
ich glaube er wird hier draußen

langsam aber sicher verrückt


Im Wasser zwei Leichen,
zerfetzte Gesichter
sie treiben in unsere Richtung,

als würden sie uns verfluchen


Der Wald, er sieht uns und
die Muskeln, sie schmerzen,
wir wissen nicht mehr ob wir

überhaupt noch nach dem Übel suchen


Was ist wenn das Moor mich
nie mehr fort lässt


Meine Augen sie brennen
so schrecklich, so höllisch
ich wünschte fast, nur fast,

wir beide wären schon tot


Und plötzlich ein Schatten
im Dunkel er sieht mich
voll Angst ruf' ich laut Aros Namen

in meiner Not


Ein Wesen springt aus
der Höhe ohne Augen
und trotzdem kann es mir direkt

in meine Seele sehen


Es ist groß und schlank
die Haut so weiß
wir ergreifen die Flucht ohne

uns auch nur ein Mal umzudrehen


Wir haben das Böse
hier unterschätzt


Ich kann hören wie das Wesen dort hinten röhrt
Im Himmel ist kein Gott der unser Flehen erhört


Ich werde meine Frau und Kinder niemals wieder sehen
Unsere Schreie werden unerhört im Moor vergehen

Aro singt ein Lied


Der Wald liegt still
und Nebel steht
ich wand're durch das schwüle Moor

In der Ferne
ein leises Summen
dringt schon seit Stunden an mein Ohr


Aro ist weg
und singt ein Lied
die Todtenau will mich locken

Ich höre weg, doch
mir ist als ob
hinter jedem Baum Wesen hocken


Der Plan ist schiefgelaufen
wir unterschätzten die Mächte
die in diesen Landen walten,
als wenn mein Handeln etwas brächte


Körper treiben auf dem Wasser,
hin und wieder seh' ich sie,
im Schilf schwer auszumachen,
das Gesicht erkennt man nie


Das Dorf liegt nun in weiter Ferne
ich irre in Einsamkeit,
ich weiß nicht welchen Weg wir nahmen,
weiß nicht mehr woher wir kamen


Und Aro singt sein Lied noch immer,
singt aus allen Himmelsläufen
weinend, stolpernd geh ich Schritte
während ich ihn zu schweigen bitte

Donnerwolken


Instrumental

...vom Ende


Wieso ich? Es hätte mich töten sollen.
So wie die anderen. Hunderte.
Oder plant es nicht?
Vielleicht sitzt kein kognitives Bewusstsein hinter den Instinkten.
Doch wie es auch ist, ich bin bis zum Kopf im Moor versunken.
Ich bin zu dem geworden, was ich vernichten wollte.
Genommen und nie wirklich wiedergebracht.
Und das Leid das hinter mir liegt.
Ich habe sämtliches Zeitgefühl verloren.
Erloschen und wieder entflammt als anderes Ich.


Das grüne Meer wird von leichten Sonnenstrahlen benetzt,
die durch das rauschende Zelt fallen. Es ist wunderschön.
Das werde ich vermissen.
Ich kann alles spüren. Ich bin Teil des Großen.
Nein, dort ist kein dunkler, böser Geist der die Taten lenkt.
Dort ist nur das Moor. Und es lebt, sonst nichts.
Ich werde nicht mehr lang bei Bewusstsein sein,
bald werde ich gewissenlos dem Ruf folgen.
Schon einmal hat er mich übermannt.
Ich erkenne ihn jetzt, meinen Traum.
Es muss geschehen solange ich noch die Macht dazu habe.
Die Flinte ist noch immer bei mir.


Und nun treibe ich im Wasser
Nur einer von so vielen
Ich singe nicht, weil ich kein Mensch bin,
und dennoch sehe ich drei Gesichter vor mir.
Und ich sehe sie voll menschlichem Glück.

Roter Schilf


Instrumental

Pfützen (Wer bist Du?)


Das augenlose Etwas hat nach

kurzer Zeit die Verfolgung
eingestellt, mein Körper taub,

als stünde er unter Betäubung

Aro blutet stark am Unterarm,

es hat ihn scheinbar noch erwischt
Ich kann sehen wie der Lebenswille

in ihm langsam erlischt

Die Wunde scheint ihn kein Stück weit

mehr zu interessieren und
mir fällt auf wie seine Wangen

immer mehr an Farbe verlieren

Was sich auch immer dort in

seinem Kopf verankert hat, ich
frag' mich ob ich es auch hab',

langsam wird das Moor wieder schattig


Die Sonne setzt sich nieder
Die Nacht beginnt schon wieder
Mir zittern meine Glieder
Bald singen wir Lieder


Oh Aro, noch wird uns niemand hören,
doch heut' Nacht noch singen wir in Chören
Oh Aro, was mache ich nur mit dir?
Ich hoffe, dass ich nicht die Beherrschung verlier'


Wir sind lange schon gute Freunde,

seitdem wir Kinder waren,
doch jetzt ist er mir fremd

und etwas stimmt nicht mit seinen Haaren

Sind es weniger geworden?

Sind sie ihm ausgefallen?
Ein Blick auf seine Hand,

die Nägel drücken in die Ballen

Ich frage ihn ob etwas nicht

in Ordnung sei, er blickt mich an
Das Gesicht noch neutral doch

leicht verändert, ich frage mich wann

es so schlaff wurde, die Augen fast

verschwunden, von Haut verdeckt
Mich packt die Angst,

es scheint als habe das Wesen ihn angesteckt


Aro, du machst mir Angst, rede doch
Ich will so nicht sterben, ich lebe noch
Du wirst dich gegen mich wenden
So wird es bestimmt nicht enden


Ich renne in seine Richtung,
greife einen dicken Ast,
stoße ihn hart zu Boden,
mich zu befreien von der Last


Immer, immer, immer wieder

trifft der Ast sein kahles Haupt
Bis vor kurzem habe ich ihn

noch zu kennen geglaubt,
doch dieses Tier das meinen Stock

nun Stück für Stück mit Farbe tränkt
ist nicht mehr Aro, es wird nun von

fremder Macht gelenkt


Nach vollendeter Tat sitze

ich ganz resigniert,
weinend im roten Schilf,

zum Teil bereuend, doch etwas giert
in mir nach neuem Mord,

ich rede mir ein es war notwendig
Meine Hände zittern und in der Brust

schlägt mein Herz unbändig


Aro, ich habe Angst, im Schädel ein Loch
Ich will so nicht sterben, ich lebe noch
Du wolltest dich gegen mich wenden
So wird es bestimmt nicht enden


Nun treibst du in den schwarzen Pfützen
Verstehe doch, ich musste mich schützen
Hier endet nun deine Geschichte
Das Moor macht alles was ich liebe zunichte

Ein Anfang...


Ich weiß nicht mehr was hier geschieht
Ich kann nicht mehr normal denken
Nun bin ich der, der hier flieht,
kann meinen Körper nicht mehr lenken


Ich verliere den Verstand
Ich habe mich noch nie gekannt


Traumverwoben, fieberhitzig
taumle ich durchs Unbekannte
An mir nagt und zerrt und zieht
der Wahnsinn den ich selbst entsandte


Der Wald lacht über meine Schmach
Kobolde steigen mir nach
Dornen stechen mir ins Gesicht
während Wahnsinn mir das Hirn zersticht


Warum bluten meine Augen,
schon nicht mehr zum Sehen taugen
Ich hasse dieses Moor so sehr,
doch mich hasse ich noch mehr


Totenwasser reinigt mich nicht
Ich schwimme zwischen Leichen
Die Lieder lang nicht mehr gehört
Warum mussten sie jetzt nur weichen?


Und als schon aller Mut zunichte,
mitten in meinem Untergang,
erblicke ich den kleinen Weg
Dort kamen wir damals entlang


Wie viel Zeit ist nur vergangen?
Es kommt mir vor wie vor Jahren,
als wir zu dritt ins Unheil liefen
und noch alle beisammen waren


Doch es ist wahr, der Weg ist richtig
Ich bin dem Dorf ganz nah
Ich habe das Gesicht meiner Frau vergessen,
seitdem ich sie das letzte Mal sah


Ich liebe sie, das weiß ich noch
und diese Liebe treibt mich
den Weg entlang, auf dem wir kamen
und mein Ziel nähert sich

Rückkehr (Das Moor flüstert mir zu)


Ich sehe mein Haus hinterm Blättermeer
Mein animalischer Gang schmerzt immer mehr
Ich fühle mich nicht wie zuhaus', die Enklave furchtbar fremd
Ein Schrei entfacht neben mir, der mein Streben hemmt


Ich habe mich verändert
Ich bin ein Tier
Das Moor hat mich neugeboren
und flüstert mir


Ich blicke an mir herab: lange Klauen, trübe Haut
Der Mensch steht noch immer dort, während er mich anschaut
In mir lockt ein Drang Eine Stimme, ein Instinkt verlangt
diese Frau fortzubringen wie sie dort um ihr Leben bangt


Die schlanken Finger greifen
den Leib voller Wucht
Sie schreit so laut um Hilfe
während mein Blick die Büsche sucht


Mein Geist ist belagert
ich kann nicht widerstehen
Auch wenn der Wille hadert,
werde ich ihr den Kopf umdrehen


In einiger Entfernung tue ich wie mir befohlen,
werfe den schlappen Körper ab um eine Melodie zu schinden

Ich lass' sie singen, in der Hoffnung, dass Ihresgleichen angelockt
Das Moor weiß: Menschen trällern, wenn sie Glück empfinden


Zu lang war ich gefangen
Der Körper deformiert
In mir wächst ein Wille,
der nach dem Tode giert

© 2019 by Marvin Dassios